29.10.2026

Interview mit Enzo Santarsiero: «Aufhören? Noch lange nicht!»

Nach 15 prägenden Jahren schlägt Enzo Santarsiero ein neues Kapitel auf. Nachdem Aufbau der André Koch AG, der Entwicklung von Repanet Suisse und dem Verkauf des Unternehmens an Axalta hat der langjährige CEO das Unternehmen per 1. Juli 2026 verlassen. Ruhestand? Davon will der Branchenunternehmer nichts wissen. Mit der neu ausgerichteten Unternehmung Sirion, Rep-Talk, künstlicher Intelligenz, Netzwerkprojekten und neuen unternehmerischen Ideen bleibt Santarsiero mitten in der Schweizer Carrosserie- und Lackierbranche.

Interview mit Enzo Santarsiero: «Aufhören? Noch lange nicht!»

Enzo Santarsiero im Empfangsbereich seines neuen Büros am Grossherweg 9 in Urdorf.

Interview: Mario Borri

 

AUTO&Wirtschaft: Enzo Santarsiero, nach 15 intensiven Jahren bei der André Koch AG und zuletzt Axalta Access Switzerland – wie schwierig war es loszulassen?

Enzo Santarsiero: Natürlich war das emotional. Wenn man über viele Jahre ein Unternehmen aufbaut, mit Menschen zusammenarbeitet, ein Netzwerk schafft und gemeinsam Erfolge erlebt, dann gibt man nicht einfach am letzten Arbeitstag den Schlüssel ab und geht nach Hause. Aber für mich war wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Nach dem Verkauf der André Koch AG an Axalta 2023 habe ich mich bewusst dafüreingesetzt, die Integration erfolgreich zu begleiten und eine funktionierende Nachfolge in der Geschäftsleitung aufzubauen. Diese Aufgabe ist erfüllt. Deshalb konnte ich mit einem guten Gefühl loslassen.

 

Sie sprechen von loslassen – gleichzeitig starten Sie bereits wieder mit mehreren Projekten. Ist das wirklich loslassen?

Ja, sogar sehr. Loslassen bedeutet für mich nicht, nichts mehr zu tun. Es bedeutet, nicht mehr alles tun zu müssen. Das ist ein grosser Unterschied. Heute kann ich viel bewusster entscheiden, wo ich meine jahrzehntelange Erfahrung einbringen möchte. Ich muss nicht mehr jede operative Verantwortung übernehmen. Ich kann Menschen, Unternehmer und Unternehmen begleiten, Impulse geben und Projekte mitgestalten, an die ich glaube. Diese Freiheit ist für mich ein absolutes Privileg.

 

Warum geniessen Sie nicht einfach das Leben und werden Privatier?

Das Leben werde ich definitiv geniessen – vielleicht sogar mehr als früher. Aber ich kann mir ein Leben ohne Leidenschaft, Ideen und unternehmerische Herausforderungen nicht vorstellen. Ich sage es etwas provokativ: In den vollständigen Ruhestand geht man dann, wenn man der Gesellschaft nichts mehr zu bieten hat. Ich habe das Gefühl, dass ich noch einiges beitragen kann. Der Unterschied ist: Heute kann ich selbst bestimmen, was, wann und mit wem.

 

Eine zentrale Rolle wird künftig die Sirion GmbH spielen. Was steckt dahinter?

Sirion wurde bereits vor rund 20 Jahren von meiner Frau Patrizia für Beratungstätigkeiten gegründet. Jetzt richten wir das Unternehmen neu aus. Sirion wird meine Plattform für Consulting und neue Projekte in der Carrosserie- und Lackierbranche. Dabei geht es nicht darum, Unternehmen theoretische Konzepte zu verkaufen. Ich möchte dort unterstützen, wo meine Erfahrung tatsächlich einen messbaren Mehrwert schaffen kann. Mein Grundsatz dabei lautet: Erfahrung ist wertvoll – aber erst der Erfolg macht sie glaubwürdig.

 

Wo sehen Sie konkret Beratungsbedarf?

Die Branche steht vor enormen Veränderungen. Margendruck, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, steigende Anforderungen von Versicherungen und Flotten, Nachfolgeprobleme und neue Fahrzeugtechnologien verändern das Geschäft. Viele Unternehmer wissen sehr genau, wie man hervorragend repariert. Die entscheidenden Fragen liegen zunehmend woanders: Wie positioniere ich meinen Betrieb? Mit welchen Partnern arbeite ichzusammen? Wie steigere ich Produktivität und Rentabilität? Wo kann KI helfen? Und wie sichere ich mein Unternehmen für die nächste Generation? Genau dort möchte ich ansetzen.

 

Auch REP-TALK bleibt ein wichtiges Projekt?

Unbedingt. REP-TALK ist für mich weit mehr als eine Talkshow. Die Branche braucht Antworten auf die Fragen der Zukunft. Dafür müssen wir unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen: Reparaturbetriebe, Versicherungen, Flotten, Lieferanten, Technologieunternehmen und weitere Marktteilnehmer. Wir wollen REP-TALK deshalb gemeinsam mit dem A&W Verlag weiterentwickeln und ausbauen. Wir müssen auch Themen ansprechen, die vielleicht unbequem sind. Gerade daraus entstehen interessante Diskussionen.

 

Werde Sie also weiterhin selber moderieren?

Ja. Denn das macht mir grosse Freude. Ich sehe mich dabei weniger als klassischen Moderator, sondern als Branchenmensch, der Fragen stellt, die Unternehmer tatsächlich beschäftigen. Aber ich kann mir auch vorstellen, irgendwann, in den Hintergrund zu treten und einem neuen Gesicht Platz zu machen.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist künstliche Intelligenz. Warum beschäftigt Sie dieses Thema so stark?

Weil ich überzeugt bin, dass KI unsere Branche stärker verändern wird, als viele heute glauben. Eine Carrosserie besteht aus unglaublich vielen planbaren Prozessen: Auftragssteuerung, Terminplanung, Mitarbeitereinsatz, Teileverfügbarkeit, Auslastung, Durchlaufzeiten und vieles mehr. Wenn KI dabei hilft, diese Abläufe intelligenter zu steuern, entstehen enorme Produktivitätsvorteile. Deshalb arbeite ich künftig auch mit Aspaara zusammen. Dort bringe ich meine Erfahrung aus der Carrosseriebranche ein und helfe mit, KI-Lösungen konsequent an der Realität der Betriebe auszurichten.

 

Mit Repanet Suisse haben Sie über Jahre stark auf Netzwerke gesetzt. Glauben Sie weiterhin an dieses Modell?

Mehr denn je. Ein einzelner Betrieb kann hervorragend sein. Aber viele Herausforderungen der Zukunft lassen sich gemeinsam besser lösen. Netzwerke schaffen Wissen, Standards, Verhandlungskraft, Erfahrungsaustausch und Zugang zu Geschäft. Ich bin überzeugt: Die Zukunft gehört nicht den Einzelkämpfern, sondern starken Unternehmern in starken Partnerschaften. Deshalb werde ich mich weiterhin mit der Entwicklung von Netzwerken in der Reparaturbranche beschäftigen. Gleichzeitig werde ich Axalta im Rahmen eines Beratungsmandats in der Schweiz und auf europäischer Ebene unterstützen.

 

Auch Glass Rep steht auf ihrer Agenda. Was ist dort das Ziel?

Im Schweizer Markt werden aus meiner Sicht noch immer zu viele Scheiben ersetzt, obwohl eine Reparatur technisch möglich und wirtschaftlich sowie ökologisch sinnvoll wäre. Gemeinsam mit Partnern wollen wir Glass Rep deshalb weiterentwickeln. Das Thema hat enormes Potenzial – für Betriebe, Versicherungen, Flotten und nicht zuletzt für die Nachhaltigkeit.

 

Und dann ist da noch ein neues Projekt? Was haben Sie vor?

Da muss ich mich noch etwas zurückhalten. (lacht) Wir arbeiten gemeinsam mit erfahrenen Profis an einem Konzept für eines der grössten Themen unserer Branche: die Unternehmensnachfolge im Schweizer Carrosserie- und Lackmarkt. Viele hervorragende Unternehmer kommen in ein Alter, in dem sie sich fragen müssen, was mit ihrem Lebenswerk passiert. Gleichzeitig fehlen teilweise geeignete Nachfolger. Wir möchten dafür ein Konzept entwickeln, das es in dieser Form im Schweizer Markt noch nicht gibt. Mehr verrate ich im Moment noch nicht. Lancierung am & Präsentation anlässlich dem Jahresevent von Repanet Suisse vom 13.- 14. November In Luzern

 

Klingt alles nicht gerade nach Ruhestand.

Nein. Aber nach deutlich mehr Freiheit. Meine neue unternehmerische Freiheit bekommt auch räumlich ein neues Zuhause. Ich habe im dritten Stock des heutigen Axalta-Gebäudes in Urdorf neue Büros eingerichtet. Mehrere Arbeitsplätze, Sitzungsräume und eine grosszügige Terrasse sollen nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Treffpunkt für Unternehmer, Partner und neue Ideen sein.

 

Ist es nicht speziell, dass Ihr neues Büro ausgerechnet im Axalta-Gebäude liegt?

Eigentlich finde ich es passend. Ich bin weiterhin ein Consulting Partner von Repanet Suisse und möchte auch keine Vergangenheit auslöschen. Wir haben gemeinsam viel erreicht. Jetzt beginnt einfach eine neue Phase. Zudem sehe ich so öfter meine Tochter Gloria, wo bekanntlich bei Axalta arbeitet.

 

Wird Axalta beziehungsweise André Koch nach Ihrem Weggang grössere Herausforderungen haben?

Jede Veränderung an der Spitze eines Unternehmens bringt Herausforderungen mit sich. Entscheidend ist aber, ob rechtzeitig Strukturen und Menschen aufgebaut wurden, die Verantwortung übernehmen können. Genau das war eine meiner wichtigsten Aufgaben in der letzten Phase. Eine gute Führungskraft muss irgendwann auch beweisen, dass das Unternehmen ohne sie erfolgreich funktionieren kann. Ich wünsche dem Team deshalb vor allem eines: den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht zu versuchen, meinen zu kopieren. Ja und mit Sebastian Wyder als Kopf für die Schweiz mache ich mich auch keine Sorgen.

 

Wenn Sie Ihre neue Lebensphase in einem Satz beschreiben müssten – welcher wäre das?

Vielleicht so: Ich muss nicht mehr alles machen, ich darf auswählen. Selbstbestimmtheit ist bekanntlich das höchste Gut. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen – aber ich möchte noch einiges bewegen. Und genau darauf freue ich mich.

 

https://sirion.ch/ 

 

 

SUCHEN