AXA Studie: Fahrassistenzsysteme können Unfälle verhindern, begünstigen aber Ablenkung am Steuer
Posted by: Michael Lusk
Eine Befragung der AXA zum automatisierten Fahren bestätigt den Nutzen von Fahrassistenzsystemen, insbesondere des Notbremsassistenten: 27 Prozent gaben an, dass dieser sie in den letzten sechs Monaten mindestens einmal vor einer gefährlichen Situation geschützt habe.
Eine Analyse von AXA Schadendaten zeigt, dass Autos mit modernsten Fahrassistenzsystemen rund 40 Prozent weniger Auffahrunfälle verursachen als solche ohne. Gemäss der Studie, welche die grösste Autoversicherung der Schweiz anlässlich ihres diesjährigen Mobilitätstages durchgeführt hat, finden über zwei Drittel der Befragten, dass Assistenzsysteme die Sicherheit auf den Strassen erhöhen. Allerdings kann dieses Sicherheitsgefühl gefährlich werden. So sagen 47 Prozent der Befragten mit Assistenzsystemen, dass man riskanter fahre im Glauben, dass die Systeme in kritischen Momenten eingreifen. 60 Prozent sind der Meinung, dass man deswegen weniger aufmerksam unterwegs sei.
Exemplarisch zeigt sich dies an der Handynutzung: Gemäss AXA Umfrage bleibt weniger als die Hälfte der Befragten beim Autofahren konsequent handyfrei – besonders oft lenken das Schreiben und Lesen von Nachrichten ab. Dabei nutzen Lenkende, die Fahrassistenzsysteme verbaut haben, das Handy gemäss eigenen Angaben öfter als solche ohne Fahrhilfen (28 Prozent verglichen mit 22 Prozent, die gelegentlich auf das Handy schauen während der Fahrt). Mindestens 10 Prozent schalten die Systeme gar aktiv ein, um sich anderen Tätigkeiten widmen zu können.
«Tatsache ist, dass die Systeme, die heute in Autos bei uns in der Schweiz verbaut sind, weiterhin die volle Konzentration der Lenkenden erfordern. Die Hände gehören zu jeder Zeit ans Steuer. Sich einfach zurücklehnen oder kurz aufs Handy zu schauen, ist nicht nur verboten, sondern auch gefährlich. Der eigentliche Sicherheitsgewinn kann durch ein risikofreudigeres Verhalten am Steuer wieder verloren gehen», erklärt Luca Genovese, Leiter Forschung und Prävention und AXA Kompetenzzentrum Mobilität.
Das Phänomen, dass Menschen ihr Verhalten anpassen, wenn sie sich durch Schutzmassnahmen sicherer fühlen, nennt man Risikokompensation. Sie wird durch fehlendes Wissen zusätzlich gefördert, erklärt der Präventionsexperte. Tatsächlich mangelt es gemäss AXA Studie an grundlegenden Kenntnissen über die Fahrassistenzsysteme: Fast drei Viertel der Lenkenden mit Fahrhilfen geben an, dass sie beim Kauf keine Einführung zu den Systemen erhalten haben – 89 Prozent würden sich eine solche wünschen. Luca Genovese rät deshalb dringend, sich mit den Systemen vertraut zu machen oder sich bei Fragen an den Garagisten oder an eine Fahrschule zu wenden.
Ablenkung am Steuer entsteht gemäss Befragung auch durch die modernen Fahrzeuge selbst, z. B. durch die Bedienung von Fahrzeugsystemen wie der Musikanlage oder des Navigationssystems. Interessant dabei: Die Hälfte der Befragten fühlt sich stark oder eher stark durch die Nutzung der in ihren Autos verbauten Touchscreens abgelenkt. Zwei Drittel aller Autofahrerinnen und Autofahrer sind folglich der Meinung, dass in Autos wieder vermehrt Knöpfe statt der modernen Bildschirme eingebaut werden sollen.
Einige Fahrerinnen und Fahrer fühlen sich auch von den Assistenzsystemen abgelenkt. «Ein Piepsen hier, ein unerwartetes Gegensteuern da – das kann verständlicherweise auch irritieren», sagt Luca Genovese. Fast jeder Dritte gibt an, sich vom Spurhalteassistenten und vom aktiven Lenkassistenten gestört zu fühlen, 23 Prozent vom Geschwindigkeitswarner. Die Folge: Lenkende schalten die Hilfen aktiv aus.
Der Präventionsexperte rät jedoch dringend davon ab, sicherheitsbezogene Fahrassistenzsysteme wie den Spurhalteassistenten oder den Notbremsassistenten auszuschalten. Und komfortbezogene Systeme wie der adaptive Tempomat oder der Einparkassistent müssen unbedingt korrekt genutzt werden. «Die heutigen in der Schweiz zugelassenen Fahrassistenzsysteme unterstützen, aber sie übernehmen nicht die Verantwortung. Diese liegt weiterhin vollständig beim Menschen. Nur so können Unfälle konsequent verhindert werden», erklärt der Präventionsexperte.
Sein Kollege Jérôme Pahud, Leiter Mobilitätsversicherungen bei der AXA Schweiz, ergänzt: «Dass Notbremsassistenten Wirkung zeigen und Auffahrunfälle abnehmen, ist aus Präventionssicht eine erfreuliche Entwicklung. Allerdings gilt es zu beachten, dass diese Schadenart nur einen kleinen Teil der bei der AXA gemeldeten Autoschadenfälle ausmacht. Hinzu kommt, dass dieser Rückgang die aufgrund der hohen Ersatzteilpreise deutlich gestiegenen Schadenkosten derzeit bei weitem nicht zu kompensieren vermag.»



